Weihnachten in der Fremde


Weinachten in der Fremde

Über den Tod meiner Frau bin ich nie hinweg gekommen. Kommt man wohl auch nicht. Niemals. Nicht, dass sie unvermutet und plötzlich aus dem Leben schied, nein, es war ein langer Leidensweg, der letztendlich seinen Abschluss fand. Sie ging fort und ich blieb da. Ja, der Tod war eine Erlösung. Der einzige Trost, der mir blieb. Doch der Trost war kein wirklicher Trost, hielt mehr als Ausrede her, zur Nervenberuhigung. Meine große Liebe war gestorben, doch nicht die Liebe selbst.

Drei Jahre ist es nun her, seitdem lebe ich allein. Und bin allein. Besonders bitter ist es immer an Weihnachten. Freunde von mir sorgen sich um mich, sehen mich als suizidgefährdet an, laden mich ein, kümmern sich um mich. Mein Hausarzt verschreibt mir Valium oder Diazepam. Es benebelt mir die Sinne, packt mich in Watte, doch aufheitern oder beglücken tun mich die
Medikamente nicht.
Im ersten Jahr fuhr ich über die Feiertage kurzentschlossen in die Karibik, all inclusive, um mich abzulenken, um nicht allein zu sein. Doch ich hing an Heilig Abend mit anderen Langzeitdeprimierten betrunken an der Hotelbar bei Pina Colada und Mojitos ab und hätte mein Leben um ein Haar – unfreiwillig – im Swimmingpool ausgehaucht. Das brauchte ich kein zweites Mal.

Letztes Weihnachten zog ich durch die Bars und Kneipen meiner Stadt. Doch schon in der zweiten sah ich mich als Verlorenen und ewig Gestrigen. Das Bier schmeckte nicht und machte mich aggressiv. Mein Therapeut meinte später, dass mein Wutausbruch zumindest ein Positivum besaß, ich zeigte Gefühlsregungen und Zorn sei ein sehr starkes Gefühl. Ich sei lebendig und das Leben habe mich mitnichten aufgegeben. Ein Argument, das mir zu denken gab.

Dies Jahr nun sagte mein Freund Mauro zu mir: „Mein lieber Ben, so geht das nicht weiter mit dir! Wir fahren Weihnachten nach Italien und du kommst mit. Basta!“

„Basta” fügte er immer nur dann hinzu, wenn eine Sache für ihn beschlossen war. Mauro war mein Trauzeuge gewesen … damals, ich konnte mit Fug und Recht behaupten, dass er ein sehr guter Freund von mir ist. Seine Frau Gisela war vor vielen Jahren meine Freundin gewesen; wir waren zwei Jahre zusammen. Dass sie irgendwann den Mauro bevorzugte und ihn heiratete, nehme ich meinem Kumpel nicht krumm, noch immer pflegen Giselllla (wie Mauro sie nennt) und ich ein schönes freundschaftliches Verhältnis, in dem immer wieder auch die Koketterie längst vergangener Stunden aufblitzt. Mauro fuhr fort mir zu erklären:

„Weihnachten bei Mama in unserem kleinen Dorf in den Bergen, dort wo ich geboren bin. Hoch über Genova, im Kreise der Famiglia. Und du bist dabei! Basta! Es wird Zeit, dass du endlich zurück findest ins Leben. Auch wenn du schlimme Zeiten erlebt hast, sie sind Vergangenheit. Es gibt nichts Schöneres, Verrückteres und Familiäreres als Natale in Italia! Ich sags dir! Meine Schwester wird auch da sein und die Aufgabe haben, nicht von deiner Seite zu weichen und sich um dich zu kümmern. Gina … du erinnerst dich an sie? Ihr Mann starb vor zwei Jahren bei einem Motorradunfall bei Campomorone, mein guter Schwager Roberto, seitdem ist sie alleine. Gina ist ein paar Jahre jünger als du und eine wundervolle Frau. Eine echte bella Italiana. Wirst sehen. Der Kummer hat sie allerdings etwas zu dünn gemacht – für Mamas Geschmack.“

Mauro lachte herzhaft auf, und meine Stimmung hellte sich auf. Erstmalig seit Urzeiten, so kam es mir vor, freute ich mich einmal wieder auf etwas. Die Aussicht, mit Giselllla und Mauro nach Italien zu fahren, hatte was! Und das taten wir auch.

Als wir Spätnachmittags durch den Gotthardtunnel fuhren – ich weiß es noch wie heute – hatte ich plötzlich ein „Pling“ in mir. Wie ein kleiner Lichtblitz oder eine Gänsehaut, ein Schauer. Etwas geschah, etwas veränderte sich. Und erstmalig kam mir diese fürchterliche, 16 km lange Einbahnstraßenröhre nicht gruselig, sondern schön vor. Ja, schön! Es war eine Fahrt durch einen Tunnel. Einem sehr langen Tunnel. Und doch, ich fuhr etwas entgegen. Etwas Neuem. Ich spürte und wusste es genau. Ein noch nie gekanntes Gefühl absoluter Gewissheit. So als hätte ich als Schuljunge eine Arbeit abgegeben, von der ich schon im Voraus wusste, dass es eine Eins als Benotung geben wird. Ich fuhr durch diesen Gotthardtunnel dem Licht entgegen, dem Ende meiner inneren Finsternis.

Weihnachten in der Fremde. Aber war ich wirklich in der Fremde, oder war ich endlich zu Hause angekommen? Obwohl es schon der 25. Dezember war, denn in Italien ist der 24. ein ganz normaler Arbeitstag, war es für mich ganz einfach Weihnachten. Dieses Weihnachten werde ich mein Leben lang nicht mehr vergessen. Natale in Italia MUSS man erleben! Noch nie zuvor hatte ich ein solches Weihnachtsfest! So über die Maßen herzlich, familiär und überbordend gut gelaunt – ich könnte einen Roman schreiben, was ich an diesem Fest alles erlebte. Total verrückt ist noch reichlich untertrieben. Es ist nicht in Worte zu fassen. Ein Film, wie es sich nicht der beste Regisseur hätte ausdenken können. Alles redete, schnatterte, lachte durcheinander. Dass ich so gut wie nichts verstand, spielte für 5 Pfennig keine Rolle. Ich war absolut mittendrin und aufgenommen. Jeder aus der Familie war um mein Wohl bemüht, wie um das eigene. Dass mir ein ums andere Mal vor Rührung die Tränen aufstiegen hing sicherlich mit meiner emotionalen Ergriffenheit zusammen, wie sehr auch ich mir ein solches Leben, eine Familie wünschte. Doch schnell wurde ich mit neuem Chianti versorgt, umarmt, geherzt, gedrückt, voller Übermut auf die Schulter geboxt. Ein strahlendes Lächeln von Gina und auch von Gisela, selbst Mamas Augen waren warm und mehr als freundlich. Sie waren liebevoll. Niemand ließ an diesem Abend Schwermut aufkommen, ich war in den besten Händen, die ich mir wünschen konnte.

Ich kann es nur mit der italienischen Lebensart erklären. Einem Leben, in dem Gefühle immer eine Rolle spielen. Wo die Familie heilig ist. Wo Natale tatsächlich das ganz große Fest der Familie und des Festessens ist, wo Weihnachten noch ein echtes und real gelebtes Gefühl der Freude, der Liebe und des Miteinanders ist. Und doch mit so viel Witz und Einfallsreichtum garniert wird, dass mir oft vor Erstaunen der Mund offen stehen blieb, weil ich es nicht glauben konnte, was ich da sah. Alle bezogen sie mich immer wieder mit ein, Mauro und Gisela übersetzten fleißig, mein Freund raunte mir sogar zu, dass er seine Schwester schon ewig nicht mehr so heiter und ausgelassen erlebt hatte und sie mir immer wieder heimliche Blicke zuwerfen würde. Gina sah hinreißend aus, bezaubernd. Ich nahm es wahr, doch blieb ich höflich, wahrte die gesellschaftliche, familiäre Etikette dieses wundervollen Abends. Ginas schlichte Elegance rührte mich, und besonders ihre fröhliche Natürlichkeit wärmte mir das Herz.

Wie es Tradition des Hauses war, gab es frische Spaghettinis mit selbstgemachtem Pesto alla Genovese und geriebenem Parmesan. Als Vorspeise. Dann jedoch fuhr Mama richtig auf! Sie war überglücklich, denn erstmalig seit langer Zeit sah sie auch die Freude in die Augen ihrer Tochter zurückkehren.

Gina wich mir wirklich nicht von der Seite. Im wahrsten Sinne des Wortes. Auch in der Nacht nicht. Wie selbstverständlich kam sie zu mir in mein Bett geschlüpft in jener für mich Heiligen Nacht. Sie kuschelte sich dezent an mich, legte ihren Kopf auf meine Schulter und ihre Hand auf meine Brust. Ich vergrub mein Gesicht an ihrem Hals und Schulter, atmete ihren Duft ein, ihr Parfum, den Duft ihrer Haare, hörte ihrem Atem zu. Wir sprachen kein Wort. Die ganze Nacht hindurch nicht und waren doch beide wach. Sahen durch das Fenster die sternklare Nacht. Dunkel ist es des Nachts in Ligurien und die Sterne scheinen klar und funkelnd. Stille.

Irgendwann lag Ginas Hand auf meinem Glied, rührte sich nicht, tat nichts, lag einfach da. Und auch als es anschwoll nach und nach, tat Gina nichts, nur ihre Hand, die lag auf mir, stimulierte mich nicht, bewegte sich nicht, nur hier und da ein leichter, ein ganz leichter Druck, mehr nicht.
Meine Hand hatte ich in ihr Nachthemd geschoben, sie ruhte auf Ginas Brust. Ich bewegte sie nicht, streichelte oder drückte sie nicht. Meine Hand auf ihrer Brust. Wärme, da sein. Hier und da ein wenig zog ich meine Finger zusammen, spürte die Härte ihrer Spitze, die meinen Handteller kitzelte, doch mehr tat ich nicht, mehr ereignete sich nicht in dieser Nacht. Einmal dachte ich, ich würde durch das Fenster am Firmament das Gesicht meiner Frau entdecken, ihr Lächeln, ihre Freude darüber, dass ich lebe und dass es mir gut geht. Und dass sie genau dies will. Ob Gina neben mir in meinem Arm ähnliche Gefühle durchzogen?

Am nächsten Weihnachtsabend zogen wir alle zusammen durch Genova. Etliche Freunde von Mauro und Gina waren mit dabei. Sie freuten sich über Ginas Lachen, über das Blitzen in ihren bella Italiana-Augen, wirkten erleichtert und natürlich ulkten und tuschelten sie herum, machten ihre Späße als Gina und ich zunächst Arm in Arm durch die Straßen zogen, später Hand in Hand und noch später uns an jeder zweiten Straßenecke küssend. Im Letzteren, setzte ich mich durch mit meiner deutschen Lebensart.

Aus drei Tagen Genova wurden zwei Wochen für mich. Mauro und Gisela waren ohne mich zurück nach Hause gefahren, Mauro hatte mich so herzlich und fest gedrückt zum Abschied, wie es nur ein sehr guter Freund kann. Ich feierte auch Silvester, ultimo dell' anno, in Ligurien. Und zwar am Strand in der Nähe von Vesina. Um Mitternacht stieß ich mit Gina an. Dieser Augen-Blick, dieser Kuss veränderte mein Leben. Wieder sahen wir in die sternenklare Nacht hinauf, in den Himmel, doch dieses Mal hielten wir uns fest umschlungen, waren füreinander da und besiegelten mit dem Segen der Welten unser weiteres Leben.

Heute lebe ich mit ihr zusammen in einem kleinen Haus in den Bergen hoch über Genua. Ginas Mama ist auch meine Mama geworden. Ich gehöre dazu und habe eine neue Familie. Vino und Oliven … und auch Zitronen sind nun meine Inspiration, mein Hobby und mein Broterwerb. Kommst du zu mir in dieses Land, mein Freund, besuche mich dorten, oder verbringe auch du einmal Weihnachten in der Fremde, am besten in Italien unter Freuden, du wirst es nicht bereuen.

Frohe Weihnachten euch allen und buon natale a tutti!


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