Das Freudenmädchen

Leseprobe
Das Freudenmädchen


Prolog

War es wirklich nötig gewesen? Hätte man nicht doch einen anderen Weg gehen können? Musste es ausgerechnet DAS sein, das man den Menschen nahm, um ihnen die Augen zu öffnen? Ihnen zu zeigen, wie sehr sich unsere Gesellschaft verändert hatte? Natürlich war Weihnachten immer weiter verkommen zur puren Kommerzialisierung, das war allen klar, und als verkündet wurde, dass Weihnachten dieses Jahr ausfiel, hatte man es zunächst für einen dummen Scherz gehalten oder für einen Werbegag der Industrie, doch als es amtlich wurde und die Tage kürzer, der Dezember mit dem ersten Frost den Winter einläutete, wurde es allen richtig bewusst. Kein Weihnachten dies Jahr!
    
Anfangs waren einige noch froh, dass es auch mal ausfiel, dieses zum Konsumrausch verkommene heilige Fest der Liebe. Denn von Liebe gab es keine Spur!
    
Mit einer gewissen Vergnügtheit verfolgten viele Menschen in den Medien all die Diskussionen, Talkshows und das ach so wichtige Geschwafel von Politikern, Prominenten, Kirchenmännern, Industriellen, Arbeitnehmer- und Arbeitgeberverbänden und anderen hochrangigen Leuten, wie sie sich aufregten, wie sie die Fäuste ballten, wie sie sich ereiferten, wie sie um das Bruttosozialprodukt des Landes bangten, und wie die Einschaltquoten und Druckauflagen Rekordhöhen erreichten.
        
 Die Umsatzeinbußen in Industrie und Handel waren enorm, man sprach von „verheerend“ und „vernichtend“, die Volkswirtschaft würde am Boden liegen. Erstmals wurde kollektiv bewusst, WAS Weihnachten wirklich bedeutet. Ein unermesslicher Wirtschaftsfaktor.
Jesus in der Krippe? Unwichtig. Beiwerk.
    
Nicht überraschend war hingegen, dass eilige Umfragen ergaben, dass für viele Menschen Weihnachten schon lange nur noch ein Festhalten an die Schönheit längst vergangener Kindheitstage bedeutete, das einzig einen Platz in ihren Herzen inne hatte, verbunden mit Erinnerungen.
Weiterhin ergaben die Umfragen: Weihnachten hatte seinen Zauber verloren, als klar wurde, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt, dass alles eine Lüge ist.
    
Und doch erinnerte sich die Bevölkerung plötzlich daran, jetzt da Weihnachten definitiv ausfiel, wie seit Urzeiten Jahr für Jahr gefeiert wurde, die Familie zusammen kam, wie gegessen und getrunken und Geschenke verteilt wurden.  Doch der Glanz verblasste, und je mehr Weihnachten kommerzialisiert wurde, sich regelrecht zu einer grotesken Show wandelte, desto mehr wuchs auch die Abneigung. Zu keiner Zeit im Jahr hörte man öfter den Satz: „Ich bin total im Stress! Sorry, keine Zeit!“, als in der Vorweihnachtszeit. Und doch… egal, wie schlecht es ihnen  im Leben ging, wie die Menschen kamen und gingen, wie Schicksalsschläge sie beutelten und schmerzten, Weihnachten war immer da, oftmals mehr ein Trost, als ein Fest der Freude und der Liebe. Dass es dieses Jahr nun ausfiel, wurde mehr und mehr zum Schock, der das Land erstarren ließ.
Weihnachten … eine feste Konstante, etwas, auf das die Menschen sich verlassen konnten, was beständig war, was ihnen auch Halt gab. Eine Sehnsucht und auch eine Hoffnung. Der Sinn des Festes war der Moment des Innehaltens und der Besinnung, eine Auszeit, so wurde es gepredigt in den Kirchen, Messen und Andachten und sehr viele Menschen konnten dem folgen, es berührte sie, diese Gedanken sprachen aus ihrem Herzen, denn im Grunde wollten alle Weihnachten nichts anderes tun, als innezuhalten.

Weinachten ist kein einzelner Tag, ein bestimmtes Datum am 24. Dezember, Weinachten ist ein Gefühl. Diese Erkenntnis kroch in ihre Herzen. Doch brauchte man für beschauliche Momente all den ganzen Wahnsinn? So jedenfalls wurde argumentiert, und jetzt … jetzt hatte man den Salat. Weihnachten fiel dieses Jahr aus!

Und hier beginnt nun unsere Geschichte:
 


Dunkel war es in der breiten Fußgängerzone in der Stadt. Pünktlich hatten die Verkäufer ihre Läden geschlossen und waren mit gesenkten Köpfen nach Hause geeilt. Auch die Mitarbeiter in dem menschenleeren großen Kaufhaus hatten sich beeilt, die Lichter zu löschen und die Türen hinter sich zu verschließen. War es eh schon die vergangenen Wochen fast gespenstisch ruhig gewesen, so war es an jenem 24. Dezember regelrecht unheimlich.

Wie jeden Nachmittag hatte der achtjährige Butch das Waisenheim verlassen, in dem er nach dem gewaltsamen Tod seiner Eltern lebte und sich auf seine Runde durch die Stadt begeben, immer in der Hoffnung,  dem alten Franjo zu begegnen, der sonst , Jahr für Jahr, am selben Ort in der Fußgängerzone, frische, heiße Maronen verkaufte.  Doch dieses Jahr war alles anders. Ganz und gar anders als sonst.

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