Der perfekte Drink

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Der perfekte Drink


Dienstagabend in der Stadt. Ungemütlich ist es draußen, regnerisch und windig kühl. Das Wetter trägt die Botschaft mit sich, dass der Sommer unwiederbringlich beendet ist und der Herbst jetzt Einzug hält.
Den Inhaber der Cocktailbar stört dies nicht. Im Gegenteil, erfreut ist er, denn die Herbstzeit ist seine Hochzeit. Falls man überhaupt von Saison und Nebensaison bei ihm sprechen kann, denn er bewegt sich jenseits aller Trends und Wettereinflüssen.
Abseits liegt sein Lokal von Mainstream und Laufkundschaft.

Es ist 18:00 Uhr. Pünktlich ist er mit den abendlichen Vorbereitungen fertig geworden. Die Bestände sind aufgefüllt, das Obst  geschnitten, die ersten Säfte frisch vorgepresst und die selbst entwickelte  „Sweet and Sour“- Mischung abgefüllt und kaltgestellt. Das Licht ist gedimmt und sein Blick gleitet zufrieden durch das Lokal.
Diese spezielle Stimmung, wenn noch kein Gast die Bar betreten hat, die Ruhe vor dem Sturm, er liebt sie. Nur das gleichmäßige leise Rauschen des großen Deckenventilators ist vernehmbar. Noch hat kein Zigarettenqualm die Luft durchzogen. Prüfend gleitet sein Blick über Theke und Tische. Alles zu seiner Zufriedenheit. Das ist der Moment für den es sich für ihn lohnt, die Bar eröffnet zu haben. Old fashioned durch und durch. Die Cocktailpreise sind dem erstklassigen Niveau angepasst, beste Qualität sein Markenzeichen. Drei Dinge machen eine ausgezeichnete Bar für ihn aus. Das Ambiente, die Getränkezutaten, der Barmann. Diese Dreieinigkeit, wie er es nennt, mit Akribie verfolgt, ist sein Alleinstehungsmerkmal, wofür er steht, sein Name und sein Ruf.

Es ist 18:05 Uhr, als der erste Gast des Abends seine Bar betritt. Eine Frau. Verwundert blickt er von dem Laptop auf, an dem er gerade die Playliste programmiert. Ungewöhnlich für einen Dienstagabend, an dem er nicht vor 20:00 Uhr mit den ersten Gästen gerechnet hat.  Die Fremde kommt ein paar Schritte auf die Theke zu und bleibt dann unschlüssig stehen, sieht sich um.

„Guten Abend“, begrüßt er sie höflich.

„Guten Abend“, entgegnet sie, „ist schon geöffnet? Der Taxifahrer hat mir ihr Lokal empfohlen.“


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